Europas Frauen – Mitten im Leben
Zweiter Akt
Im September letzten Jahres waren Projektteilnehmer aus Deutschland und Lettland bei uns in Zielona Góra [Grünberg] zu Gast (ich hatte darüber in den Inspirationen [Inspiracje] Nr. 14 berichtet). Vom 19. bis 22. April fand nun ein weiteres Treffen statt und zwar diesmal in Berlin, der Lebens- und Arbeitsstätte von Brigitte Wörteler, der Hauptkoordinatorin des Projektes. Berlin empfing uns mit herrlichem Wetter, der Treffpunkt dagegen, den wir der Wegbeschreibung folgend erreichten, stürzte uns im ersten Augenblick in einige Verwirrung. Wir befanden uns vor dem Bahnhofsgebäude Lichterfelde West und konnten einfach nicht die Hans-Sachs-Straße 5 finden. Während wir auf das Eintreffen der Organisatorinnen warteten, begannen wir, ein wenig die Umgebung des Bahnhofs zu inspizieren. Es war eine Gegend mit niedriger, ein- bis zweigeschössiger Bebauung. Architektonisch interessante Villen waren von gepflegten Gärten umgeben, in denen schon der Flieder blühte und japanische Kirschen mit ihren schönen, vollen Knospen standen. Der Frühling hatte Berlin schnell erreicht.
Bald erschien Brigitte, die – wie sich herausstellen sollte – gegenüber wohnte und unsere Gruppe vom Fenster aus gesehen hatte: Es war das Bahnhofsgebäude, in dem wir während der Konferenz tagen sollten! Denn längst erfüllt es nicht mehr die Funktion, für die es einmal errichtet worden war. Lichterfelde West ist heute eine der Berliner S-Bahn-Stationen, ein Fahrkartenautomat befindet sich auf dem Bahnsteig, sodass Räumlichkeiten wie Wartehalle oder Restaurant nicht mehr benötigt werden. Und die praktischen Berliner beschlossen, das Gebäude anderweitig zu nutzen.
Nach einer Weile stießen Marianne Klues-Ketels aus Göttingen zusammen mit Brigitte und Marie-Louise zu uns, zwei Frauen, die wir zum ersten Mal trafen, sowie, gleichfalls in größerer Zahl als im Herbst, die Lettinnen und – die Deutschen aus Berlin. Besonders die deutschen Teilnehmerinnen legten bei der Begrüßung eine natürliche Herzlichkeit an den Tag, was ich Tag für Tag mit ungeheurer Sympathie beobachtete und die ich voller Freude genoss.
Wir verbrachten die Zeit sehr intensiv. Brigitte und Marianne hatten, ähnlich wie bei uns im Herbst, für den ersten gemeinsamen Nachmittag eine Übung vorbereitet, die das gegenseitige Wissen über uns vertiefen und zugleich die Integration der Gruppe fördern sollte. Jede von uns erzählte etwas über ihren Vornamen – woher er kommt, was er bedeutet, welche Form wir benutzen, ob wir ihn mögen… Es gab auf allen Seiten Neugier und auch ein wenig Gelächter. Anschließend bildeten wir kleine Gruppen, deren gemeinsame Eigenschaft beispielsweise die Augenfarbe war, oder wir stellten uns in Reihen auf, die nach Größe oder Alter geordnet waren. In diesem letzten „Wettbewerb“ belegte ich den ersten Platz … um drei Tage älter als die reizende Marie-Louise, eine pensionierte Ethiklehrerin aus Göttingen. Wir hatten viel Spaß, aber was hier scheinbar nur Spiel war, barg einen tieferen Sinn – jeder Einzelne ist Teil einer Gruppe, die mal in der Mehrheit und mal in der Minderheit ist, er steht ganz vorne, kann sich aber auch am Ende wiederfinden. Die Ebene, auf der sich das abspielt, kommt manchmal völlig zufällig zustande und kann dabei überraschend aufschlussreich sein und das Zusammengehörigkeitsgefühl fördern.
Eine Überblicksdarstellung über den Prozess des Alterns und über das Alter in verschiedenen Ländern bildete den theoretischen Rahmen für unsere Überlegungen über Chancen und Herausforderungen, denen sich Frauen im Alter von 45+ gegenübersehen. In der dann folgendenen Sitzung versuchten wir, die Schwierigkeiten und Gefahren zu benennen, die mit dem Eintritt in das dritte Lebensalter verbunden sind. Alle haben sich daran beteiligt, und so schrieb denn jede von uns auf ein Kärtchen die ihr – ob nun aus eigener Erfahrung oder aus der von Freunden – bekannten Probleme, die ältere Menschen zu bewältigen haben. Diese Kärtchen, die an eine Tafel gepinnt wurden, zeigten die ganze Bandbreite an Fragen, über die dringend nachgedacht werden und aus der konkretes Handeln folgen muss.
Den Prinzipien der Salutogenese folgend, die Gesundheitsvorsorge und ein gutes Allgemeinbefinden umfasst und eine der Haupt-Zielsetzungen des Projektes ist, suchten wir nach einem Heilmittel für jene Probleme. Es war für unsere Gruppe befriedigend, bereits im ZUTW (Universität des Dritten Lebensalters, Grünberg [Zielonogórski Uniwersytet Trzeciego Wieku]) erprobte Wege aufzeigen zu können, „den Jahren Leben einzuhauchen“. Erneut traten die Karteikärtchen in Aktion. Dieses Mal hatten sie die Form von Blättern. Zu Kreisen gesteckt, die die wichtigsten Probleme symbolisierten, ergaben sie bunte Blüten – was ein wunderbares Symbol für die Schönheit des Lebens war, die wir uns in den Jahren des goldenen Herbstes schaffen können.
Die folgende Sitzung war der Planung unserer weiteren Zusammenarbeit gewidmet. Zusammen mit Marie-Louise und Katharina arbeitete ich in einer Kleingruppe, die sich für das Schreiben interessierte. Wir beschlossen, dass wir uns bis zu unserem Treffen in Lettland über unsere Erfahrungen auf dem Berliner Treffen austauschen würden. Den anderen Teilnehmerinnen schlugen wir dagegen vor, in Form einer kleinen Autobiografie über Wendepunkte in ihrem Leben zu schreiben. Katharina wandte ein, dass es für einige der Teilnehmerinnen schwierig sein könnte, über sich selbst zu schreiben, und schlug daher vor, dass Ganze in ein literarisches Gewand zu kleiden – wir würden in der dritten Person schreiben wie über eine Freundin. Ich teilte ihre Bedenken nicht, hatte ich doch im Laufe des Treffens eine große Offenheit bei der Analyse unterschiedlicher und manchmal schwieriger Fragen beobachtet, die unsere deutschen und lettischen Kolleginnen aufbrachten. Daher war ich über die Reaktion ersterer sehr überrascht – sie äußerten die Befürchtung, dass eine solche Autobiografie, selbst wenn sie als ein Bericht über eine Freundin getarnt sei, etwas sehr Intimes darstelle, das die Grenze des Privaten verletze.
Dieser kleine Vorfall machte mir sehr deutlich bewusst, dass das, was wir mit kulturellen Unterschieden meinen, nicht nur bei Gesellschaften auf anderen Kontinenten auftreten kann, wo wir schon rein äußerlich auf den ersten Blick Unterschiede feststellen und daher auf gewisse Weise auf die Andersgeartetheit einer Kultur vorbereitet sind. Sie zeigt sich jedoch ebenso bei Menschen, die uns äußerlich ähnlich sind und nur rund 100 km von uns entfernt in demselben, gemeinsamen Europa leben! Vielleicht sind auch wir für unsere Partnerinnen erstaunlich „anders“. Gelobt seien die Initiatoren des EU-Programms Socrates-Grundtvig, die die Überwindung der Fremdheit durch gegenseitiges Kennen Lernen ermöglichen und so helfen, die Empfindlichkeiten anderer zu akzeptieren. Daher freute mich eins der Resümees, das bei der abschließenden Bewertung der Konferenz gezogen wurde: „Es ist ein Erfolg unseres Treffens, dass Menschen unterschiedlicher Nationalitäten, Kulturen und Überzeugungen, die unterschiedliche Sprachen sprechen, gemeinsam und erfolgreich arbeiten können“.
Die Unterschiede erwiesen sich als sehr wertvoll während des abendlichen Treffens am Samstag, als ein festliches, gemeinsames Essen die Ideen von Lettinnen, Berlinerinnern und unserer Gruppe zur Freizeitgestaltung bereicherte. Auf kleinen Tischen wurden kulinarische Spezialitäten aus Lettland sowie unser Osterkorb (gefüllt mit Leckereien zum Probieren) präsentiert sowie eine kleine Ausstellung von Verlagen deutscher Autoren und Denker über die Bedeutung des Festes. Wir lernten die Familien unserer Berliner Kolleginnen kennen, erlebten einen Mini-Liederabend mit einer blutjungen Sängerin und beklatschten Brigittes Freundin, die Jazzsängerin ist. Und – wir tanzten im Kreis lettische Tänze und sangen gemeinsam Lieder aus unterschiedlichen Ländern. Es war ein gelungener Abend, voller Wärme und gegenseitiger Sympathie.
Unser Treffen hatte auch einen kleinen touristischen Aspekt. Kurze Spaziergänge im Zentrum Berlins gaben denjenigen, die bis dahin noch nie in dieser Stadt gewesen waren, einen Vorgeschmack auf die Attraktionen, die eine europäische Metropole zu bieten hat. Man wollte mehr davon… Für mich wurde das imposant und großzügig gebaute moderne Bahnhofsgebäude der Deutschen Bahn zum charakteristischen Symbol der Metropole mit seiner schnell heilenden Wunde, die die Mauer geschlagen hatte. Mit seiner Konstruktion aus Metall und Glas hielt es im Inneren eine nicht alltägliche Attraktion bereit – ein aus dem Museum für Naturkunde entliehenes und wie als Kontrapunkt arrangiertes Skelett eines Dinosauriers, des vermutlich größten in Europa. Das Gebäudeskelett und das Skelett des kolossalen Reptils passten auf irgendwie tückische Weise zueinander, auch wenn das erste ein menschliches Industriedenkmal ist, während das zweite ein Geschöpf der Natur darstellt, das aus den Tiefen der Zeit hervorragt. Man kann das auf zweierlei Weise interpretieren – entweder als Nutzung und schöpferische Umsetzung des Menschens von Einfällen der Natur, die sich im Laufe der Evolution herausgebildet haben, oder aber als eine Warnung, die zum Nachdenken über die Vergänglichkeit anhalten will
Barbara Konarska Übersetzung: Bettina-Dorothee Mecke